Über und um das Geschichtenerzählen ErzählerInnen im deutschsprachigen Raum Festivals und Workshops Anfragen, Diskussion, Bekanntmachungen Verbindungen in alle Welt Schreiben Sie uns
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Ein Bericht aus Frankreich

In Bibliotheken und Gefängnissen, Universitäten und Krankenhäusern, Firmen und Kulturzentren, in Museen, Restaurants, Kleinkunstbühnen und Internet-Cafés, in den kleinsten Dörfern wie im Internet, wird erzählt und erzählt. In Französisch, klar, aber auch in Bretonisch, Okzitanisch, im elsässischen, pikardischen oder Poitou-Dialekt. Erzählungen aller Gattungen aus allen Ecken der Welt: maghrebinische, indische, haitianische, schwedische, russische und afrikanische, traditionelle und moderne, naive und erotische. Noch niemals hat die Zauberformel "Es war einmal" so begeistert.

Etwa 300 ErzählerInnen leben von ihrer Kunst, dazu kommen zwischen 3000 und 4000 Amateure, über hundert Festivals werden jährlich organisiert. Die Aufführungen selbst sind ungezählt: allein 800 im Jahr in einer Stadt wie Grenoble! Das Publikum ist außerordentlich breit gestreut. Großmütter mit ihren EnkelInnen, EthnologInnen, PsychotherapeutInnen und LehrerInnen sind immer unter den Fans, aber sie sind nicht die einzigen: AkademikerInnen, GymnasiallehrerInnen, EDV-Leute, leitenden Angestellte und ÄrztInnen folgen im Kielwasser. Drachen, Kobolde, Feen und Menschenfresser gibt es immer noch - sind sie nicht letztlich unsterblich? - aber sie haben es von nun an mit HeldInnen von heute zu tun, die in Turnschuhen durchs Leben laufen und den Zug oder das Flugzeug benutzen wie alle anderen auch. Sie telefonieren über Handy, surfen im Web und kaufen natürlich auch Tiefkühlprodukte.

"Heute überrascht das niemand mehr, aber es war eine echte Revolution, am Anfang der 90er Jahre," erklärt Pepito Mateo, Erzähler seit fünfzehn Jahren, "man war gewohnt, mit schriftlichen Quellen umzugehen, die waren heilig, unantastbar."

Dieser Tage strickt der Großteil der ErzählerInnen seine Geschichten selbst, ausgehend von einem oder mehreren Geschichten oder traditionellen Motiven. Einige erfinden die ganze Geschichte, aber davon gibt es nicht viele. Durch Erfindungen wie Radio, später Fernsehen, durch die Landflucht und den Niedergang der ländlichen Kultur war die mündliche Erzählung zum Sterben verurteilt. Der traditionelle Geschichtenerzähler, der von seinen Altvorderen ein ausschließlich mündliches Repertoire übernommen und an langen Abenden zum Besten gegeben hatte, ist in Frankreich völlig von der Bildfläche verschwunden. Die Zauberer von heute nennt man nur aus Bequemlichkeit Erzähler; in Wirklichkeit sind es Neo-Erzähler. Was die Geschichten selbst betrifft, verdanken sie ihr Überleben den SurrealistInnen und später, in den siebziger Jahren, einigen PsychoanalytikerInnen und PädagogInnen, unter ihnen Bruno Bettelheim, der in seinem berühmten Buch, "Kinder brauchen Märchen" die therapeutische und erzieherische Funktion der Geschichten aufzeigt. Auch von der Bewegung "Zurück zu den Wurzeln" haben sie profitiert, vor allem aber von der ausgezeichneten Redaktion durch Verlage und ErzählerInnen.

"Wir leben in einer sehr schwierigen Zeit, was das Gefühl betrifft. Alles wird durch Rationalität bestimmt. Das kann nicht mehr lange so weiter gehen; man muß trinken, und Geschichten sind das Wasser", meint Henri Gougeaud, einer der wichtigsten französischen Erzähler. "Was uns ein Märchen sagt, passt in eine Nußschale, gleichzeitig sind selbst die sieben Universen nicht groß genug, um es zu fassen", sagt ein türkisches Sprichwort, und wirklich, unterhalb ihrer offensichtlichen Einfachheit spricht eine Erzählung das Bewußte wie das Unbewußte gleichermaßen an und erfüllt damit eine vielfache Funktion: in linguistischer, identitätsstiftender, psychologischer und moralischer Hinsicht, es hat eine therapeutische und eine philosophische Komponente.

Sie richtet sich an Intellektuelle wie an Ungebildete, an Große genauso wie an Kleine. "Jede zieht sich das heraus, was sie kann und was sie sieht", vermerkt Bruno de la Salle, der große Pionier unter den Erneuerern der Erzählbewegung. "In dem Maße, wie das Leben voranschreitet, nimmt es einen tieferen Sinn an. Die, die erzählen, erzählen ihre eigene Geschichte, mit ihren Worten und mit ihrem Gepäck. Man entdeckt sich selber und beschreibt der Welt, was man gesehen hat. Auf die gleiche Art und Weise hören die, die zuhören, ihre eigene Geschichte."

Alle ErzählerInnen stellen die betörende Allgemeingültigkeit der Geschichten heraus: die wesentliche Botschaft, entziffert durch Bettelheim, ist immer die gleiche: nichts ist unmöglich, Mut und Geduld überwinden alle Hindernisse, die Kleinen und die Schwachen können den Menschenfresser (oder den bösartigen Schloßherren, den ausbeuterischen Chef etc.) besiegen . Man versteht gut, dass eine solche Botschaft auf offene Ohren und Herzen stößt.

 

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